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Grundlagen & Pathophysiologie

Die spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine autosomal-rezessiv vererbte, degenerative Erkrankung der Alpha-Motoneurone des Rückenmarks und zählt zu den häufigsten genetisch bedingten Todesursachen im Säuglingsalter, sofern unbehandelt. Sie führt zu einer fortschreitenden proximal betonten Muskelschwäche und -atrophie bei in der Regel erhaltener kognitiver Entwicklung. Die Einführung krankheitsmodifizierender Therapien hat die Prognose in den letzten Jahren grundlegend verändert.

~1:6.000–10.000
Inzidenz unter Lebendgeburten
~1:40–60
Karrierfrequenz in der Allgemeinbevölkerung
>95 %
SMN1-Deletion/-Mutation als genetische Ursache
Modifizierend
SMN2-Kopienzahl als wichtigster Schweregrad-Prädiktor

SMN1/SMN2-Genetik

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SMN1 als Hauptursachengen

Homozygoter Verlust oder Mutation des SMN1-Gens (Survival Motor Neuron 1) auf Chromosom 5q13 führt zu unzureichender Produktion des SMN-Proteins, das für das Überleben der Motoneurone essenziell ist.

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SMN2 als "Backup-Gen"

Das nahezu identische SMN2-Gen kann durch alternatives Splicing einen Teil des funktionsfähigen SMN-Proteins produzieren, jedoch in deutlich geringerer Menge als SMN1.

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SMN2-Kopienzahl als Schweregradmodifikator

Mehr SMN2-Kopien korrelieren im Allgemeinen mit einem milderen klinischen Verlauf – dieser Zusammenhang ist jedoch nicht absolut vorhersagbar und wird zunehmend durch Therapieeffekte überlagert.

Selektive Vulnerabilität der Motoneurone

Trotz ubiquitärer Expression des SMN-Proteins im gesamten Körper sind spezifisch die Alpha-Motoneurone des Rückenmarks besonders vulnerabel gegenüber SMN-Mangel.

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Proximal betonte Muskelschwäche

Die Muskelschwäche betrifft charakteristischerweise proximale stärker als distale Muskelgruppen und untere Extremitäten stärker als obere.

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Erhaltene Kognition

Im Gegensatz zu vielen anderen schweren neurodegenerativen Erkrankungen des Kindesalters bleibt die kognitive Entwicklung bei SMA in aller Regel unbeeinträchtigt.

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Klassifikation

Die traditionelle Einteilung der SMA erfolgt nach Erkrankungsalter und maximal erreichtem motorischem Meilenstein – ein System, das durch die neuen Therapien zunehmend durch eine präsymptomatische, genotypbasierte Betrachtung ergänzt wird.

TypErkrankungsalterMaximaler motorischer MeilensteinUnbehandelter Verlauf
Typ 0Pränatal/bei GeburtKeiner; schwerste Verlaufsform mit ausgeprägter Hypotonie bei GeburtSehr ungünstig, oft respiratorisches Versagen unmittelbar postnatal
Typ 1 (Werdnig-Hoffmann-Erkrankung)0–6 MonateFreies Sitzen wird nie erreichtUnbehandelt meist Versterben vor dem 2. Lebensjahr durch respiratorische Insuffizienz
Typ 27–18 MonateFreies Sitzen möglich, freies Gehen wird nicht erreichtDeutlich verkürzte Lebenserwartung unbehandelt, progrediente Skoliose und respiratorische Einschränkung
Typ 3 (Kugelberg-Welander-Erkrankung)>18 MonateFreies Gehen wird erreicht, im Verlauf ggf. Verlust der GehfähigkeitNahezu normale Lebenserwartung, aber progrediente motorische Einschränkung
Typ 4ErwachsenenalterFreies Gehen erhalten, milder VerlaufNormale Lebenserwartung, langsam progrediente proximale Schwäche

Wandel des Klassifikationskonzepts: Durch das Neugeborenenscreening und die präsymptomatische Therapieeinleitung verliert die klassische, auf den unbehandelten Verlauf bezogene Typeneinteilung zunehmend an Bedeutung – heute rückt die SMN2-Kopienzahl als Grundlage der individuellen Therapieentscheidung stärker in den Vordergrund.

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Klinische Symptome

Das klinische Bild variiert erheblich je nach Erkrankungsalter, ist jedoch stets durch eine proximal betonte, symmetrische Muskelschwäche bei erhaltener Sensibilität und Kognition gekennzeichnet.

SMA Typ 1 (frühe, schwere Form)

  • Ausgeprägte muskuläre Hypotonie ("Floppy Infant")
  • Fehlende Kopfkontrolle
  • Schwache, leise Schreistimme
  • Paradoxe Atmung (Glockenthorax) durch Zwerchfellbetonung bei Interkostalmuskelschwäche
  • Zungenfaszikulationen, schwacher Saug-/Schluckreflex
  • Erhaltene Augenmotorik und mimische Muskulatur

SMA Typ 2 und Typ 3

  • Verzögerter Erwerb oder Verlust motorischer Meilensteine
  • Proximal betonte Schwäche, Gowers-Zeichen bei Typ 3
  • Feinschlägiger Haltetremor der Hände (Minipolymyoklonus)
  • Progrediente Skoliose im Wachstumsverlauf
  • Kontrakturneigung bei fortgeschrittener Schwäche

Respiratorische Beteiligung

  • Zunehmende Ateminsuffizienz durch Interkostalmuskelschwäche bei erhaltener Zwerchfellfunktion (Typ 1)
  • Ineffektiver Hustenstoß mit erhöhtem Pneumonierisiko
  • Nächtliche Hypoventilation als Frühzeichen der respiratorischen Beteiligung

Erhaltene Funktionen

  • Normale kognitive Entwicklung
  • Erhaltene Sensibilität
  • Erhaltene Blasen-/Darmfunktion
  • Erhaltene extraokuläre Augenmuskelfunktion
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Diagnostik

Die Diagnostik der SMA hat sich durch die Verfügbarkeit gezielter genetischer Testung grundlegend gewandelt – der genetische Nachweis der SMN1-Deletion/-Mutation ist heute der zentrale, meist alleinig erforderliche diagnostische Schritt.

  1. Klinischer VerdachtMuskuläre Hypotonie, proximal betonte Schwäche, verzögerter Erwerb motorischer Meilensteine oder deren Verlust bei erhaltener Kognition
  2. Genetische Diagnostik (SMN1)Direkter Nachweis der homozygoten SMN1-Deletion oder -Mutation mittels MLPA oder PCR-basierter Verfahren – in >95 % der Fälle diagnostisch beweisend, ersetzt heute meist die frühere invasive Diagnostik
  3. SMN2-KopienzahlbestimmungZusätzliche Bestimmung zur Einschätzung des zu erwartenden Schweregrads und zur Therapieplanung
  4. Elektromyographie/Nervenleitgeschwindigkeit – bei atypischer KonstellationNachweis eines neurogenen Schädigungsmusters bei unklarer genetischer Diagnostik oder untypischem klinischem Bild
  5. Muskelbiopsie – heute selten erforderlichNur noch bei fehlendem genetischem Nachweis trotz hochgradigem klinischem Verdacht zur weiteren differenzialdiagnostischen Abklärung
  6. Respiratorische BasisdiagnostikBeurteilung von Atemmuster, Hustenkraft und ggf. Schlafstudie zur frühzeitigen Erfassung einer respiratorischen Beteiligung
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Neugeborenenscreening

Die Aufnahme der SMA in das erweiterte Neugeborenenscreening in zahlreichen Ländern – einschließlich Deutschlands – stellt einen Paradigmenwechsel dar, da sie eine präsymptomatische Diagnose und Therapieeinleitung noch vor Auftreten irreversibler Motoneuronschädigung ermöglicht.

Zentral

Präsymptomatischer Therapiebeginn

Studien zeigen deutlich bessere motorische Ergebnisse (u. a. Erreichen von Sitzen und Gehen) bei Therapiebeginn vor Symptommanifestation gegenüber symptomatisch behandelten Kindern.

Methodik

DNA-basierter Trockenbluttest

Nachweis der homozygoten SMN1-Deletion aus der Neugeborenen-Trockenblutkarte, meist kombiniert mit anderen Stoffwechsel-Screening-Parametern.

Konsequenz

Dringliche Anbindung an SMA-Zentrum

Ein positives Screening-Ergebnis erfordert eine unverzügliche Vorstellung an einem spezialisierten neuromuskulären Zentrum zur Bestätigungsdiagnostik und raschen Therapieentscheidung.

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Differenzialdiagnose

Insbesondere bei negativer SMN1-Diagnostik trotz hochgradigem klinischem Verdacht müssen andere Ursachen des "Floppy Infant" oder progredienter Muskelschwäche bedacht werden.

DifferenzialdiagnoseUnterscheidungsmerkmaleAbklärung
Kongenitale MyopathienOft charakteristische Gesichtsmorphologie, unterschiedliche Verteilungsmuster, andere HistologieMuskelbiopsie, gezielte genetische Diagnostik
Kongenitale MuskeldystrophienHäufig begleitende Kontrakturen bereits bei Geburt, teils HirnfehlbildungenKreatinkinase, Muskelbiopsie, genetische Diagnostik
Kongenitale myasthene SyndromeBelastungsabhängige Schwäche, Ptosis, okuläre Beteiligung häufigerElektrophysiologie (repetitive Stimulation), genetische Diagnostik
Prader-Willi-SyndromZentrale Hypotonie, charakteristische Dysmorphiezeichen, spätere Adipositas-EntwicklungGenetische Diagnostik (Chromosom 15q11-13)
Zerebrale Ursachen der HypotonieHäufig begleitende kognitive Beeinträchtigung, andere neurologische Zeichen (im Gegensatz zur peripheren SMA-Hypotonie)Kraniale MRT, klinisch-neurologische Differenzierung zentral vs. peripher
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Therapie

Die Einführung krankheitsmodifizierender Therapien hat die Behandlung der SMA seit 2017 grundlegend revolutioniert – von einer rein supportiven Betreuung zu einer kausal ansetzenden, das SMN-Protein-Defizit adressierenden Behandlung.

Krankheitsmodifizierende Therapien

SubstanzWirkmechanismusBesonderheiten
NusinersenAntisense-Oligonukleotid, fördert SMN2-Exon-7-Einschluss zur vermehrten Produktion funktionsfähigen SMN-ProteinsIntrathekale Applikation, initial mehrere Ladedosen, danach Erhaltungstherapie alle 4 Monate lebenslang
Onasemnogene AbeparvovecAdeno-assoziierte virale Gentherapie mit Einbringung einer funktionsfähigen SMN1-GenkopieEinmalige intravenöse Infusion, Zulassung altersabhängig, engmaschiges Monitoring auf Leber-/Thrombozytentoxizität erforderlich
RisdiplamOraler SMN2-Splicing-Modulator, fördert ebenfalls vermehrten Exon-7-EinschlussOrale tägliche Einnahme, gute Verträglichkeit, einfache häusliche Applikation

Therapieentscheidung individuell: Die Wahl zwischen den drei verfügbaren Therapieoptionen (bzw. deren Kombination) richtet sich nach Alter, Krankheitsstadium, SMN2-Kopienzahl, Zugangsweg-Präferenz und individuellen Risikofaktoren und sollte an einem erfahrenen neuromuskulären Zentrum getroffen werden.

Supportive Therapie

Respiratorisches Managementproaktiv
Ernährungsmanagementkontinuierlich
Orthopädische BetreuungSkoliose/Kontrakturen
Physio-/Ergotherapielebenslang
Zentral bei Typ 1

Respiratorisches Management

Nichtinvasive Beatmung, Hustenassistenz und proaktive Sekretmobilisation zur Vermeidung respiratorischer Komplikationen.

Wichtig

Ernährungsmanagement

Beurteilung der Schluckfunktion, ggf. Anlage einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG) bei relevanter Dysphagie oder Gedeihstörung.

Wachstumsbegleitend

Orthopädische Betreuung

Regelmäßiges Skoliose-Screening und Kontrakturprophylaxe, ggf. Wirbelsäulenversorgung im Wachstumsverlauf.

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Experten & Zentren

Die Betreuung von Kindern mit SMA erfolgt an spezialisierten neuromuskulären Zentren mit Erfahrung in der Steuerung krankheitsmodifizierender Therapien und interdisziplinärer supportiver Versorgung.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Janbernd Kirschner
Neuropädiatrie / Neuromuskuläre Erkrankungen
Universitätsklinikum Bonn
BONN
Führende deutsche Expertise in SMA-Therapiesteuerung inkl. Gentherapie und Studienleitung zu SMA-Therapien
SMA-TherapiesteuerungGentherapie-Expertise
Prof. Dr. Ulrike Schara-Schmidt
Neuropädiatrie / Neuromuskuläre Erkrankungen
Universitätsklinikum Essen
ESSEN
Langjährige Expertise in Diagnostik und multimodaler Therapie neuromuskulärer Erkrankungen im Kindesalter
Neuromuskuläres ZentrumEssen
🇦🇹 Österreich
Univ.-Prof. Dr. Andreas Hahn
Neuropädiatrie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, AKH Wien
WIEN
Diagnostik und Therapiesteuerung bei SMA und weiteren neuromuskulären Erkrankungen im Kindesalter
SMA-BetreuungAKH Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich – Neuromuskuläres Zentrum
Neuropädiatrie
Kinderspital Zürich
ZÜRICH
Interdisziplinäre SMA-Betreuung inkl. Gentherapie-Anwendung und respiratorischem Management
SMA-ZentrumInterdisziplinäre Betreuung

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